zur Kunst ute neumann´s
"Töne sehen", "Farben hören"- Bilder
klingen - Musik wird augenscheinlich:
Das ist,- ich drücke mich musikalisch
aus,- der Generalbass, die durchgehende
Melodie in den Bildern dieser Ausstellung.
Ich darf Ihnen die Arbeiten Ute Neumanns,
meiner Namenvetterin, die in keinem ver-
wandtschaftlichem Verhältnis zu mir steht,
etwas näher bringen.
Das scheint bei den farbkräftigen,mal
abstrakten, mal figürlich-konkreten Gemälden
zunächst gar nicht so schwer zu sein, aber
der Schein trügt. Denn wir dürfen
diese Bilder nicht nur isoliert
als solche sehen, sondern wir müssen
sie eingebettet in die Bildende Kunst
der Gegenwart, in deren Entwicklung zum
Beginn des 21. Jahrhunderts betrachten, und
dabei machen sich doch einige Schwierig-
keiten bemerkbar.
Die bildende Kunst der Gegenwart befindet
sich in einer Umbruchphase. Eine Reihe
bekannter ernstzunehmender Kunstkritiker,
Feuilletonisten und Künstler machen mit
überzeugenden Argumenten, scharfsinnigen
Analysen und historisch nachvollziehbaren
Entwicklungsuntersuchungen verständlich
und glaubhaft, dass das Ende der Kultur,
der Kunst gekommen sei.
Eduard Beaucamp, der angesehene Kunstkritiker
der FAZ schreibt: "Seit einer Generation sind wir
mit dem erweiterten Kunstbegriff traktiert worden
("alles ist Kunst, jeder ist ein Künstler, anything
goes") und nun geübt, auch noch den Sperrmüll
als Lebensspur und ästhetisches Generationen-
dokument zu genießen." Warum ist es dahin
gekommen? Ich will gar nicht als Ursache den
durch das Fernsehen erzeugten Konsumzwang
nach billigster
Kulturware, nach reicher Unterhaltung herbeizerren.
Aber auffällig ist eines:
Kultur und Kunst entwickeln sich in Beliebigkeit,
machen keine Fortschritte, wenn sie keinen Feind -
und das heißt - wenn sie keine Kritik mehr kennen.
Die moderne Kunst hat keinen Feind mehr.
Die "Arm in Arm"-Position von Kunstkritikern,
Ausstellungsmachern und modernen Galeristen,
die alles goutiert und gut findet, verhindert, dass
an kritischer Gegnerschaft sich ernsthafte
Gegenwartskunst hocharbeitet. Früher schon einmal
schrieb der junge Enzensberger: "Ein Feind
täte uns not". Wir wären bei dem allgemeinen
gegenwärtigen Kulturfrieden, der alles gut findet,
mit weniger Frieden zufriedener.
Mit der Wiederauferstehung eines
ernstzunehmenden Feindes, einer Kunstkritik, die
Einfallsloses, die Sperrmüll, die einfach schlechte
Kunst entlarvt und als solche bezeichnet und wieder
Wertkategorien
und -begriffe schafft, würde Kunstinterpretation,
Kunstvermittlung wieder sinnvoll.
In dieser Befindlichkeit der Gegenwartskunst
müssen wir an die Ausdeutung der Arbeiten Ute
Neumanns
herangehen. Zunächst bleibt festzuhalten, dass es heute
keine an Ländern oder Regionen festmachbare Kunst-
richtungen und keine einem Zeitraum zuzuordnenden
Stilrichtungen mehr gibt. Für den Zustand der bildenden
Kunst ist kennzeichnend, dass die internationale
Kunstszene das Tafelbild abgeschafft zu haben scheint.
Ute Neumann malt Tafelbilder, sie denkt nicht daran,
"aus dem Bild auszusteigen", und sie tut gut daran, denn
die "feindfreie", sich nicht festlegen wollende und
könnende
Kunstkritik gebärdet sich zwiespältig und ambivalent,
erklärten Großmeistern gestattet sie die Herstellung
von Tafelbildern, den Baselitzen, Richters, Polkes,
Lüpertz'
oder Tübkes, Heisigs, Sittes, Mattheuers aus der
ehemaligen DDR.
Der Ausstieg aus dem Bild, die Rückkehr zum Bild
beweist zweierlei:
- Der in der modernen Kunst so oft beschworene
Zeitgeist ist kurzlebig und wetterwendisch
- Das Tafelbild ist von der Renaissance bis heute durch-
gängig vertreten - also eine zeitlose und damit
klassische Form künstlerisch-bildnerischen Ausdrucks.
In der Zeitlosigkeit dieser Darstellungsart liegt ihre
Modernität!
Sie befinden sich also in einer modernen Kunstaus-
stellung, obwohl Ute Neumann keine "zeitkritische Künst-
lerin" ist, obwohl sie keine aufgeregte Aktionistin ist,
weder sich selbst, noch Shows inszeniert.
Die Kunstkritik und die Ausstellungsmacher haben
uns in der jüngeren Vergangenheit oft weismachen wollen,
dass Kunst erschrecken, anklagen, provozieren oder
fordern muss - gewiss sind das (auch) Funktionen der
Kunst - aber Kunst schliesst ebenso gewiss nicht aus,
dass sie dem ästhetisch Schönen dienen kann und darf.
Modern bleibt eine Kunst immer dann, wenn sie gut
ist, und
so kann denn Schöne Kunst modern sein, ohne
einen
Auftrag transportieren zu wollen.
Ute Neumann lässt sich gern für ihre Malerei von
der Musik inspirieren. Sie hört ein Musikstück, lässt es
auf sich wirken, nimmt es in ihr Gefühl, ihre
Empfindungswelt
auf, verarbeitet die gehörte Musik seelisch-geistig und
bringt das daraus entstandene Empfinden - oft nach nur
einmaligem Hören - in Farbe zum Ausdruck. Das ist
nicht immer eine gefühlsmäßige Wiedergabe erlebter
Musik, sondern auch eine geistig - reflektorische Arbeit,
denn auch musikalische Werkbezeichnungen der
Komponisten,
aber auch ihre Portraits, die über den Verstand
aufgenommen
werden, fließen gelegentlich in die malerische Umsetzung
ein.
Hier ist es nicht mehr der Klang, der assoziativ zur Farbe
wird,
sondern der eine Realität bezeichnende Titel eines Musik-
werks bemächtigt sich der Inspiration und führt den Pinsel.
Aus den Klangfarben der Musik werden freie Farbklänge,
aber auch durch die Titel eingeengte realistische Formen
nicht leugnende farblich ausgestaltete Flächen.
Immer, wenn Titel eines Musikstücks die Malerei
beeinflussen, verändert sich die abstrakte Darstellungs-
möglichkeit des Gehörten in eine realistisch bestimmte
Malerei.
Der freie Klang wird nicht mehr emotional umgesetzt,
sondern
rational in eine konturierte Form gelenkt.
Ute Neumanns Prinzip, sich von der Musik her der
Malerei zu
nähern, ist keine neue Erfindung. In der Renaissance
bereits
konstruierte der Florentiner Maler und Architekt Leon
Battista
Alberti Hausfassaden nach dem Prinzip musikalischer
Intervalle.
Dass Musik und Malerei einander stützen und steigern,
ja sich
gegenseitig ausdrücken können, war eine Vorstellung
der
Romantik. Philipp Otto Runge begreift angesichts
Raffaels
Sixtinischer Madonna (Dresden), dass "ein Maler auch
ein Musiker
und Redner ist". Runge komponiert sein berühmtes Werk
"Tageszeiten" wie eine Symphonie. Der Dichter Adalbert
Stifter
fragt: "Könnte man nicht auch durch Gleichzeitigkeit und
Aufein-
anderfolge von Lichtern und Farben ebenso gut eine
Musik fürs
Auge wie durch Töne für das Ohr ersinnen? Und der
französische symbolistische Dichter Beaudelaire bemerkt,
angeregt durch Wagner's Musik: "Es wäre wirklich
erstaunlich,
dass Töne nicht Farben suggerieren könnten, dass Farben
keine
Vorstellungen von Tönen gäben und dass Töne und
Farben
keine Gedanken vermitteln könnten."
Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wird
die Musikalisierung
der Malerei zu einem zentralen Thema der bildenden
Kunst.
Kandinsky, Klimt und Matisse wollen eine Musik
in Farben schaffen.
Kandinsky ist der Künstler, der am intensivsten die
Interdependenz
von Malerei und Musik empfunden und reflektiert hat.
Für ihn sind
Farben und Töne mit gleichem Anspruch Träger des
Geistigen
in der Kunst. Kandinsky's Kollege als Professor am
Bauhaus in Weimar,
der Schweizer Maler Johannes Itten ist es schließlich,
der die
"Musikalisierung "der Malerei in Regeln bringt und eine
Farbenlehre
analog einer chromatischen Tonleiter(benennung)
entwickelt, indem er
deren zwölf Töne einem Farbkreis aus zwölf Segmenten
zuordnet.
Lyonel Feininger komponierte (!) Orgelfugen, deren
Strukturen für seine
Gemälde Gültigkeit besaßen. Ernst Wilhelm Nay löst
sich, angeregt
von Werken der Neuen Musik Stockhausens und Brulez'
von den figürlichen
Kompositionen und entscheidet sich mit seinen
"Rhythmischen Bildern"
für die ungegenständliche Malerei. Von KRH Sonderborg
ist bekannt,
dass er beim Malen Musik von Parker, Monk und den
Rolling Stones
hörte.
Zurück zu Ute Neumann und ihren Bildern, wir wissen
jetzt, dass sie mit ihrer
Malerei in einer historischen Tradition steht; ihr ist das
allerdings
auch bewusst.
Die unterschiedlichsten musikalischen Formen und
Ausdrucksmittel,
wie Fugen, Lieder, Opern, sinfonische Dichtungen oder
12-Ton-Musik als
Inspirationsquellen können zu den verschiedensten
bildnerischen Werken,
wie realistische, figürliche oder landschaftliche
Darstellungen, aber
auch zu abstrakten Formelementen oder reinen
Farbkompositionen anregen.
Bei musikinspirierten Malerinnen und Malern schliessen
sich daher
realistische und abstrakte Arbeiten nicht aus. Ute
Neumann ist dafür
ein gutes Beispiel, und diese Ausstellung zeigt daher auch
ungegenständliche und figürliche Malerei.
Ute Neumann nimmt ihre malerische Aufgabe sehr ernst,
sie widmet
ihr ihr Leben. Zunächst Autodidaktin, Spätberufene, hat
sie ein
zweijähriges Stipendium der Neumünsteraner Dr.-Hans-
Hoch-Stiftung
fruchtbar voran gebracht. Dann ist ihr der Durchbruch
gelungen!
Sie hat auf Einladung der Deutschen Botschaft im
estländischen Tallinn
ausgestellt und anschließend konnte sie ihre Arbeiten im
Goethe-Institut
in Oslo, sowie in einer der größten norwegischen
Industrie-Unternehmen,
der Norsk Hydro in Oslo zeigen.
Ute Neumann ist eine Koloristin, also eine Malerin, die
durch die Farbe
denkt und die Anschauung durch die Farbe vollzieht. Ihre
Begabung
liegt in einem ausgeprägten, fein entwickelten Farbsinn
und in einem
sicheren Instinkt für die rhythmische Verteilung von
Farben auf der Fläche.
Ihre figürlichen Darstellungen sind nicht vom
Zeichnerischen bestimmt.
Nichts Graphisches kennzeichnet Ute Neumanns
Arbeiten. Sie will
keine Graphikerin sein. Wer, wie sie von der Farbe her
kommt, dem
liegt Druckgraphik fern. Die Farbe in der Fläche, im
Raum ist bei ihr
Selbstzweck, deswegen liegt ihr die abstrakte Malerei
besonders. Denn
beim Entwickeln der Farben gibt es keine Grenzen, Farbe
und Fläche
sind unendlich.
Machen Sie, meine Damen und Herren, sich auf und
entdecken Sie die
musikalischen Ansätze und Formen in den ausgestellten
Bildern.
Fragen Sie sich, ob Ute Neumanns Arbeiten Schillers
Vorstellung
im 22. Brief seiner "Ästhetischen Briefe" entsprechen:
"Die bildende
Kunst in ihrer höchsten Vollendung muss Musik werden
und uns
durch unmittelbare sinnliche Gegenwart rühren."
Ich wünsche Ihnen eine angeregte Auseinandersetzung
mit
Ute Neumanns Bildern, Freude beim Betrachten und ein
"Mit-nach-Hause-Nehmen" der sinnlichen Pracht schöner
Farbklänge.
Die Eröffungsrede von Dr. G. Neumann, Kunsthistoriker,
ZUR ERÖFFNUNG DER AUSSTELLUNG
"Musikalische Impressionen"